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Bekannt aus stern, NZZ, ZDF, SWR1, Süddeutsche Zeitung und Deutschlandfunk
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Medikamente gegen Reizbarkeit und Aggressionen: Was hilft wirklich?

Zuletzt aktualisiert am 08.10.2026

Kurz gesagt: Es gibt kein rezeptfreies Mittel, das nachweislich gegen Reizbarkeit und Aggressionen hilft. Verschreibungspflichtige Psychopharmaka setzen Ärztinnen und Ärzte nur ein, wenn eine Erkrankung dahintersteckt oder ein akuter Notfall vorliegt. Im Notfall stellen sie jemanden ruhig, an der Wut selbst ändern sie nichts. Für aggressives Verhalten selbst sind nur zwei Wirkstoffe zugelassen, und das nur bei Demenz oder anderen Erkrankungen, die das Denken beeinträchtigen (Hirsch & Steinert, 2019).

Der Chef drängelt, das Kind trödelt beim Anziehen, und abends reicht ein falscher Satz, damit es knallt. Kein Wunder, dass viele Menschen mit Reizbarkeit, Impulsivität und Aggressionen zu kämpfen haben. Viele fragen sich dann aber: Warum werde ich so schnell aggressiv? Die Antwort liegt oft tiefer als nur im Augenblick der Wut. Viele wünschen sich, schnell Hilfe bei Aggression zu bekommen. Man möchte den Jähzorn behandeln. Aggressionsbewältigung ist das Ziel. Aber ist das auch mit Medikamenten möglich?

Bei vielen Krankheiten werden Medikamente verschrieben. So wird bei Schmerzen zu Schmerzmitteln wie Ibuprofen gegriffen. Und auch andere Beschwerden werden mit dem passenden Medikament behandelt. Aber was ist mit Reizbarkeit und Aggressivität? Gibt es auch hier das passende Medikament? Dieser Frage gehen wir in diesem Artikel nach. 

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Welche Medikamente gibt es?

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Ein eigenes Medikament gegen Aggression gibt es nicht. Aggression stellt nicht zwangsläufig eine Indikation für eine medizinische Behandlung dar (Hirsch & Steinert, 2019). Diese wird im psychiatrischen Sinne auch nicht isoliert medikamentös behandelt. Anders verhält es sich, wenn Reizbarkeit und Aggressivität im Rahmen einer psychischen Erkrankung auftreten. Kommt es dabei zu einem akuten Erregungszustand, in dem sich jemand selbst oder andere gefährdet, ist das ein medizinischer Notfall. In solchen Fällen werden unter anderem Antipsychotika und Benzodiazepine zur Behandlung eingesetzt. Diese haben sich in medizinischen Notfällen als wirksam erwiesen (Hirsch & Steinert, 2019). Sie werden z. B. bei folgenden Erkrankungen eingesetzt, wenn aggressive Erregungszustände in Notfallsituationen auftreten:

  • Demenz (Hirsch & Steinert, 2019)
  • Autismus (Posey et al., 2008)
  • Schizophrenie (Benkert et al., 2016)
  • Bipolare Störung (Benkert et al., 2016)
  • Alkoholintoxikation und Abhängigkeitserkrankungen (Benkert et al., 2016)
  • Posttraumatische Belastungsstörung (Benkert et al., 2016)
  • Persönlichkeitsstörungen (z. B. Passiv-aggressiv, Borderline, Antisozial) (Benkert et al., 2016)
  • Intelligenzminderung (Charlot et al., 2019)

Die genannten Medikamente sind verschreibungspflichtig. Die Einnahme erfolgt unter psychiatrischer Überwachung. Für die Behandlung von Aggression selbst sind nur zwei Wirkstoffe zugelassen, und zwar bei Demenz oder anderen Erkrankungen, die das Denken beeinträchtigen (Hirsch & Steinert, 2019). Möglicherweise fragen Sie sich, ob es pflanzliche Arzneimittel gibt oder ob Homöopathie gegen Wut und Aggression hilft. Im nächsten Abschnitt klären wir die Wirksamkeit von Medikamenten gegen Aggression.

Wie wirksam sind Medikamente gegen Aggressionen?

Pflanzliche Arzneimittel

Zwar gibt es pflanzliche Arneimittel und Medikamente gegen Aggression, eine Wirksamkeit konnte bisher aber noch nicht mit einer klinischen Studie bewiesen werden

Viele pflanzliche Mittel, etwa mit Baldrian oder Passionsblume, bekommen Sie ohne Rezept in der Apotheke. Für Aggressionen gibt es aber keine belastbaren klinischen Studien, die eine Wirkung zeigen.

Homöopathische Mittel

Auch  homöopathische Mittel haben keine Wirksamkeit gegen Wut und Aggression und sind damit nicht das richtige Medikament

Im Unterschied zu pflanzlichen Arzneimitteln können homöopathische Mittel ohne Rezept erworben werden. Allerdings haben wissenschaftliche Studien gezeigt, dass homöopathische Mittel keine Wirksamkeit gegen Wut und Aggression aufweisen. Tatsächlich gelten homöopathische Mittel im Allgemeinen als unwirksam, da ihre Wirkung nicht über den Placebo-Effekt hinausgeht (Albrecht, 2007; Fears et al., 2017). Beim Placebo-Effekt tritt eine Verbesserung ein, wenn man glaubt, ein heilendes Medikament eingenommen zu haben. Das gilt auch für homöopathische Mittel, die ausdrücklich gegen Reizbarkeit und Aggression angeboten werden.

Antipsychotika

Antipsychotika oder Neuroleptika sind Psychopharmaka mit antipsychotischer Wirkung. Sie beeinflussen das Dopaminsystem, indem sie eine dopaminerge Überaktivität dämpfen. Dies geschieht durch die Blockade bestimmter Dopaminrezeptoren (Benkert et al., 2016). Wenn Aggression im Rahmen einer psychiatrischen Erkrankung auftritt, werden häufig Antipsychotika eingesetzt. Es geht hierbei um die Behandlung der Ursachen von psychischen Erkrankungen. Schizophrenie und bipolare Störungen gehen oft mit einer veränderten Emotionsverarbeitung einher, wodurch Aggressionen auftreten können. Antipsychotika werden also eingesetzt, um die Grunderkrankung zu behandeln.  

Benzodiazepine

Benzodiazepine gehören zur Gruppe der Anxiolytika. Sie sind angstlösende Substanzen. Sie wirken beruhigend und emotional entspannend. Benzodiazepine wirken auf GABA-Rezeptoren. GABA hat in den meisten Fällen eine hemmende Wirkung im zentralen Nervensystem (Benkert et al., 2016). In akuten Notfällen wirken Benzodiazepine allein oder zusammen mit Antipsychotika (Hirsch & Steinert, 2019). Sie stellen den Menschen ruhig, oft bis zur Müdigkeit. An der Ursache der Wut ändern sie nichts. Zu beachten ist, dass diese Medikamente verschreibungspflichtig sind und nur unter strenger ärztlicher Aufsicht verabreicht werden dürfen. Diese Medikamente können mit Nebenwirkungen einhergehen, auf die im Folgenden eingegangen wird. 

Nebenwirkungen

Konzentrationsschwierigkeiten kann eine Nebenwirkung bei der Einnahme von Medikamenten gegen Reizbarkeit und Aggressionen sein

Bei Antipsychotika treten immer wieder Nebenwirkungen auf. Bei längerer Einnahme können Gewichtszunahme, Depressivität, kognitive Beeinträchtigungen, Schlafstörungen und sexuelle Funktionsstörungen auftreten (Benkert et al., 2016). Auch Benzodiazepine können Nebenwirkungen haben. Insbesondere besteht ein erhöhtes Risiko für eine Benzodiazepin-Abhängigkeit. Weitere unerwünschte Wirkungen können Tagesmüdigkeit und Konzentrationsstörungen sein. Zudem sind die Fahrtüchtigkeit und die Alltagssicherheit unter Benzodiazepinen eingeschränkt (Benkert et al., 2016). Bei der medikamentösen Behandlung von Aggressionen in psychiatrischen Notfällen erfolgt eine strenge Überwachung der Patient/innen und möglichen Nebenwirkungen.

Wird die Gereiztheit plötzlich stärker oder kommen Schlafprobleme, Niedergeschlagenheit oder viel Alkohol dazu, lassen Sie ärztlich oder psychotherapeutisch abklären, ob mehr dahintersteckt. Ein guter erster Schritt ist die Hausarztpraxis.

Wenn Sie ein Problem mit Reizbarkeit und Wut im Alltag haben, ist eine medikamentöse Behandlung nicht sinnvoll. Was im Moment selbst hilft: die ersten Warnzeichen bemerken (Hitze im Gesicht, Herzklopfen, fester Kiefer), kurz den Raum verlassen, bevor der nächste Satz fällt, und später in Ruhe aufschreiben, was der Auslöser war. Daneben gibt es Alternativen zu Medikamenten und Tabletten. Diese möchten wir im folgenden Abschnitt näher betrachten. 

Das Thema Wut & Aggressionen in den Medien
MEDIENBERICHTE

Alternativen zu Medikamenten und Tabletten

Anti-Aggressionstraining

Anti-Aggressionstrainings bieten einen Ansatz zur Verbesserung der Impulskontrolle und Selbstbeherrschung. Ziel ist es, die Ursachen für individuelle Aggressionen zu erkennen. Darüber hinaus sollen Strategien zur konstruktiven Konfliktlösung erarbeitet werden. Diese Trainings helfen, negative Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern. So können Beziehungen gestärkt und Konflikte gelöst werden. Anti-Aggressionstrainings sind daher eine wirksame Alternative zu medikamentösen Ansätzen.

Aggressionstherapie

Eine Aggressionstherapie kann auch online via Laptop absolviert werden und ist damit eine Alternative zu Medikamenten gegen Aggressionen

In einer Aggressionstherapie können Betroffene geeignete Bewältigungsstrategien erlernen. Die Therapie besteht häufig aus einem gemeinsamen Gespräch, in dem individuelle Ziele definiert und neue Fertigkeiten erlernt werden. Es stehen sowohl Therapien vor Ort als auch Online-Angebote zur Verfügung. So kann auf die Bedürfnisse der Betroffenen eingegangen werden. Ziel ist es, eine nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität zu erreichen.

Kognitive Verhaltenstherapie

Eine vielversprechende Alternative zur medikamentösen Behandlung ist die kognitive Verhaltenstherapie. Diese Therapieform zielt darauf ab, konkrete Werkzeuge zur Bewältigung dieser Emotionen anzubieten. Selbstabwertende Denkmuster werden identifiziert. Bestimmte Verhaltensweisen werden systematisch angepasst. So können zum Beispiel unkontrollierte Wutausbrüche reduziert werden. Die kognitive Verhaltenstherapie basiert auf der Erkenntnis, dass Gedanken, Gefühle und Verhalten zusammenhängen und einander beeinflussen. Durch die gezielte Bearbeitung dieses Zusammenhangs können Betroffene lernen, mit ihrer Wut gesund und konstruktiv umzugehen.

Stress abbauen

Auch das Abbauen von Stress, wie hier durch Meditation, kann eine Alternative zur Einnahme von Medikamenten sein

Häufig führen Stresssituationen zu einem Anstieg von Wut und Aggression. Durch Stressabbau können diese negativen Emotionen reduziert werden. Es gibt verschiedene bewährte Strategien zur Stressreduktion. Dazu gehören z. B. das Bewusstmachen dysfunktionaler Bewältigungsstrategien, positive Neubewertung, soziale Unterstützung und Entspannungstechniken. Durch einen gesunden Umgang mit Stress kann das Wohlbefinden langfristig verbessert werden.

Fazit: Was hilft gegen Reizbarkeit und Aggressionen?

Die Behandlung von Reizbarkeit und Aggression ist komplex und erfordert individuelle Ansätze. Medikamente wie Antipsychotika und Benzodiazepine werden nur in bestimmten psychiatrischen Notfällen eingesetzt. Sie sind nicht für die allgemeine Behandlung von Aggression zugelassen. Pflanzliche und homöopathische Mittel haben in klinischen Studien keine Wirksamkeit gezeigt.

Stattdessen bieten Alternativen wie Anti-Aggressionstraining, Aggressionstherapie und kognitive Verhaltenstherapie wirksame Ansätze zur Bewältigung von Reizbarkeit und Aggression. Auch Stressabbau ist wichtig, um negative Emotionen zu reduzieren und langfristig das Wohlbefinden zu steigern. Letztendlich ist es wichtig, verschiedene Ansätze auszuprobieren und gegebenenfalls professionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen, um die bestmögliche Lösung zu finden.

Im Fachzentrum für Wut & Aggression arbeiten wir seit 2018 nur zu Wut und Aggression und haben über 4.000 Klienten begleitet. In einer unserer Fortbildungen, staatlich zugelassen von der ZFU, lernen Sie, Ihre Auslöser früh zu erkennen und im entscheidenden Moment anders zu reagieren, ganz ohne Tabletten. Ob das zu Ihnen passt, klären wir in einem kostenlosen Erstgespräch.

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Über die Autoren
Kathrin Georg

Kathrin Georg ist Klinische Psychologin (M. Sc.) und Sozialpädagogin. Sie verantwortet die fachliche Leitung am Fachzentrum für Wut & Aggression und befindet sich in Weiterbildung zur Klinischen Neuropsychologin (GNP). Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen Erziehung, elterliche Wut und Patchwork-Familien. Sie ist die Autorin dieses Artikels.

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Ferdinand Kirchhof

Ferdinand Kirchhof ist Psychologe (M.Sc.). Er arbeitet am Fachzentrum für Wut & Aggression als psychologischer und wissenschaftlicher Berater und seine Expertise fließt sowohl in unsere Arbeit als auch in unsere Veröffentlichungen. Er ist der Co-Autor dieses Artikels, zusammen mit Kathrin Georg als Autorin.

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